Und herunter vom Berge der Birken

Der nachfolgende Text ist die Abschrift einer verloren gegangenen Pergamentrolle aus dem frühen Spätmittelalter, in der einerseits ein lebendiges Bild des dörflichen Lebens entsteht – so lässt sich klar erkennen, dass man schon damals nicht von einer ungestörten Mittagsruhe ausgehen konnte, die Rösser haben mittlerweile nur ihre Beine gegen zwei dicke Reifen getauscht –, andererseits die charakterliche Ausrichtung der hier lebenden Menschen eine Erklärung findet.

Und herunter vom Berge der Birken
Preschten die schwarzen Reiter der Finsternis,
mit Hufen den dunklen Boden zerfetzend,
in rasendem Galopp,
und sprachen daselbst zum Dorfe:
Beuge dich!

Und im Dorf dachte man, so sei es und sprach:

Ich bracke mich,
du brackest dich,
er, sie, es bracket sich,
wir bracken uns…

Doch schon stoben die Reiter herauf den Berg der Birken,
Entsetzen furchte ihr Gesicht,
ihrer Rösser Nüstern wabernder Nebel entsprang,
Angst verlieh Flügel ihnen,
schwarz klang ihrer Rüstung Klappern und Wehgesang,
und niemand mehr wurde ihrer ansichtig
im Tale des Wend.

Und so weiß keiner hier mehr,
was es heißt, sich zu beugen.

Nur die Alten summen in lauen Sommernächten,
wenn der Milan im dunstgen Dämmer
seine letzte Beute blutend zum Neste trägt:

Ich bracke mich,
du brackest dich, …

Verfasser: Udo Steinmetz